publikationen

intro

schrift stellen ist eine wunderbare leidenschaft, der ich seit einiger zeit fröne. ich erwarte keine großen würfe, aber trotzdem erfolg. ich geniesse es manchmal im augustin zu schreiben, der zeitung, die neben einem sozialen anspruch noch hohe journalistische qualität und feinen umgang mit den mitarbeiterInnen pflegt.

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der augustin ist auch ein wunderbarer ort zu träumen, etwa von einem interview mit woody allen, das wahrscheinlich nur deswegen nicht zustande kam, weil meine brieflich-eingschriebene einladung zurückkam mit dem vermerk “moved not forwardable”

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größte genugtuung war bisher wohl die einladung von “die zeit”, einen kommentar zur letzten regierungsbildung zu schreiben. was andere mit zwanzig träumen, gönn ich mir jetzt: das arbeiten an einem roman, die hindernisse beim fortschreiten werden wohl auch im blog thematisiert werden. beim training beteilige ich mich sporadisch mit meinem mädchennamen “lanzerstorfer” bei kurzgeschichtenwettbewerben, aktuell einem in fürth zum thema “augenblicke”.

taxi!

diese kurzgeschichte ist für den literaturwettbewerb “antho-logisch” als einer von 987 beiträgen geschreiben worden. das ergebnis wird im april bekanntgegeben.

„Taxi!“. Zwei Jahre war Frank nicht mehr Taxi gefahren, aber zum Fernsehstudio? 400 Euro haben sie ihm geboten für den Auftritt in der neuen Talkshow abzüglich 12 Euro fürs Taxi, blieben immer noch 388. „Alles neu!“ hieß das neue Format, und Frank war einer von vier KandidatInnen der ersten Staffel. Die Fernsehzeitschriften waren voll mit Vorschusslorbeeren, der große „Knüller“ wurde vorausgesagt. Frank amüsierte sich bei dem Gedanken, dass er einer von vier Auserwählten war, um wiedermal einen „großen Wurf“ zu landen, wie es die aufgeregte Regisseurin in der Vorbereitung formulierte. Ausgerechnet er, der freiwillig Arbeitslose, der keinerlei aufregende Details über sein Leben zu berichten wusste, sollte Teil einer „megageilen Inszenierung“ werden. Die Regisseurin tat ihm Leid, sie hatte so viele Pläne, ständig auf der Suche nach dem Durchbruch, ein Streben, das ihm völlig fremd war, zumal Durchbrüche oft Ereignisse zweifelhafter Qualität sind. Aber immerhin. Sechshundertvierzehn Leute sind dem Aufruf gefolgt, sich zu bewerben, und Frank war, nachdem er sich am Arbeitsamt versichern hat lassen, dass die 400 Euro Gage seine Unterstützung nicht gefährden würden, einer der vier KandidatInnen. „Alles neu!“ suchte Leute, die alleine wohnten, kein Vermögen hatten, und bereit waren, spontan auf Veränderungen zu reagieren.

Moderiert von einer ehemaligen Eiskunstläuferin harrten die vier Auserwählten den Überraschungen; die pensionierte Friseurin vom Land, der Stadtgärtner, der sich als Hobby-Literat versucht, die superschöne Jura-Studentin, die sich nicht entscheiden kann, ob sie Botschafterin werden will, oder den Armen helfen und Frank, der arbeitslose Buchhändler ohne weiterer Pläne. Sie hatten alle den Auftrag, in Lieblingskleidung zu erscheinen, das beste Foto mitzubringen und einen Talisman. Frank hatte das alles nicht, er war aber bereit für die angebotenen 400 Euro mitzuspielen. So wurde aus seinen Alltagsjeans eine „ich weiß-nicht-aber-wenn-ich-die-anhabe-dann-fühl-ich-mich-einfach-sicherer“-Jeans und der kleine, kaum zu erkennende Fleck über der rechte Gesäßtasche wird zur glücklichen Erinnerung an einen „Radunfall der auch tödlich ausgehen hätte können“. Frank spürte förmlich, wie die Kamera auf den klitzekleinen Fettfleck zoomte, er genoss das gebannte Publikum, welches vor den Fernsehschirmen seiner Sturzgeschichte lauschte. Frank amüsierte sich über seine Erzählung, er der niemals Fahrrad fuhr, er der einen Thunfischdosenölfleck zu einem Blutfleck umdichtete. Die Kleidungsgeschichten der anderen langweilten Frank, er beobachtete die Regisseurin, die etwa einen halben Meter hinter der Hauptkamera angespannt auf ihren Durchbruch wartete und, wie es schien, mit dem Verlauf der Sendung zufrieden war. Sie gefiel Frank, sogar ihrer manischen Art konnte er was abgewinnen, zumindest eine Art Exotik.

Nach dem unvermeidlichen Auftritt eines Exbundeskanzler und einer Operndiva, die ebenfalls Erlebnisse aus ihrem Vorleben zum Besten gaben, kündigte die Moderatorin der Höhepunkt der Sendung an. Der Applaus war ihr sicher, die KandidatInnen wurden ersucht, ihre Fotos abzugeben und kurz zu beschreiben. Die Friseurin hatte eins von Madonna, das sie selbst geschossen hatte und dann von ihrem Idol signieren hatte lassen. Das sei ein erhebender Moment für sie gewesen, damals in London, sie war auf einer Fortbildung und dann war Madonna in der Stadt und natürlich mussten alle hin und sie bewunderte Madonna wirklich, nicht nur wegen der Frisur und der Figur, einfach auch als Frau und so. Der Gärtner präsentierte ein Foto von seiner verstorbenen Mutter – ein Portrait. Die Ergriffenheit der Eisprinzessin war spürbar, die Quoten weit über dem Durchschnitt. Die Studentin zückte ein Foto ihrer spielenden Katzen Minki und Dinki, sie seien, und niemand solle lachen, ihr das Liebste auf der Welt. Natürlich lachten alle, selbst die Regisseurin hinter der Hauptkamera. Franks Foto zeigte eine Birne, auf der Ameisen sich abmühten. Eigentlich hätte es eine ganze Serie werden sollen, jede Stunde ein Foto, bis die ganze Birne von den Ameisen weggetragen gewesen wäre, aber nach dem vierten Foto sei er, Frank, eingeschlafen und als er morgens aufwachte, waren die Ameisen weg und ein Großteil der Birne noch da.

Die Moderatorin sammelte die Fotos ein, legte sie in eine Schale und bat einen Oberbrandmeister in Uniform auf die Bühne. Sie fragte, was es den Kandidatinnen Wert wäre, wenn die Fotos jetzt verbrannt würden. Die Kameras waren vorbereitet, jedes Gesicht wurde in Großaufnahme gezeigt, die kreischende Friseurin, der tränendrückende Gärtner, die Studentin die sich die linke Hand vor den Mund hielt und den schmunzelnden Frank. Frank nahm die gebotenen 50 Euro, die Studentin willigte bei 70 ein und die beiden anderen weigerten sich standhaft. Die Moderatorin kündigte „zur Entspannung“ eine hoffnungsvolle Nachwuchsband an und eröffnete, dass es nach der Werbepause richtig knallen würde. „Bleiben sie dran“.

Frank fühlte sich wohl. So oft wurde ihm mangelnde Identität, fehlende Authentizität vorgeworfen. Er sei einer, der überhaupt keine Vorstellung von seiner Zukunft habe. „Das ist krank!“, hatte ihn seine Betreuerin am Arbeitsamt einmal angeschrieen, hier, in dieser Sendung, wo die tiefen Gefühle so quotenbringend wichtig sind, kann er sich richtig entfalten. Hier ist auch das Falsche richtig, das Beliebige bestimmt.Während die Moderatorin den glitzernden Gang vom Backstagebereich nach vorne schreitet, zeigen vier Monitore die Wohnungstüren der vier KandidatInnen, effektvoll versiegelt von Teams des Senders. Überraschte Gesichter, ein immer lauter werdendes Gemurmel im Saalpublikum und dann die Stimme der Moderatorin: „Alles neu! wird es bald für einen von ihnen heißen“ und ein bedeutungsvoller Millionenshow-ähnlicher Dreiton (da-da-toom) schallt über die Lautsprecher. Frank beobachtet die Redakteurin die völlig verzückt ihr Konzept aufgehen sah, während die Moderatorin die Spielbedingung vom Blatt liest: „Der Sender bietet bis zu 1 Mio. Euro für den- oder diejenige, die bereit ist, nie wieder ihre oder seine Wohnung zu betreten und die Dinge die sich darin befinden nie wieder zu benutzen oder zu besitzen. Das Geld bekommt jene Kandidatin oder jener Kandidat, die oder der mit der geringsten Summe zufrieden ist.“ Frank benötigte keine fünf Sekunden, um die optimale Lösung für alle KandidatInnen zu finden: Niemand in der Runde bietet mit, er verlässt seine Wohnung, die 1 Million Euro wird unter den vier KandidatInnen aufgeteilt.

Der Moment kollektivistischer Logik wurde jäh von der Friseurin abgebrochen, die schrie: „Ich mach´s für 400.000, wenn ich das Madonna-Foto behalten darf.“ – „Was ist mit Minki und Tinki?“, kreischte die angehende Botschafterin. Effektvoll schaltete das Bild auf die Außenstelle vor der Wohnung der Studentin, wo die zwei Katzen in einem - zugegeben komfortablen - Käfig effektvoll Miauten und eine dort anwesende Tierfreundin meinte, Tinki und Minki würden, im Fall des Sieges der Studentin, einen guten Platz bei ihr finden. „Niemals!“ schrie sie effektvoll und erklärte, bei dem abartigen Spiel nicht mehr mitmachen zu wollen. Die Moderatorin senkte ihre Stimme ohne dabei an Bedeutung zu gewinnen und meinte, wenn das ihr letztes Wort wäre, müsse sie das Studio verlassen. Die Studentin sprang auf, küsste die anderen KandidatInnen auf die Wange und verließ unter Tränen und tosendem Applaus des Publikums das Studio. Für einen Moment hatte Frank das Gefühl, er sei der Einzige, der in die Inszenierung nicht eingeweiht sei. Er beschloss, nüchtern zu bleiben. Ein kategorisches NEIN kam für ihn nicht in Frage. Das sei, so dachte er bei sich, eine versnobte Luxusvariante, und er sei kein Snob. Aber welche Summe ist angemessen? Inzwischen hat der Gärtner lang und breit erzählt, dass auch er vier Semester Germanistik studiert hatte und seine vielen Bücher und die handschriftlichen Anmerkungen in den Büchern und er kann sich das gar nicht vorstellen und alles weg, furchtbar die Vorstellung und die Rennereien wegen den Dokumenten und dann noch die Sachen seiner Mutter. Er hatte wieder feuchte Augen und sagte: OK! 350.000. Frank verachtete den literarischen Gartenbeamten, der sein armseliges Inneres nach Außen kehrte, um sich anschließend gegenteilig zu entscheiden. Er beschloss, überschlagsmäßig all seine Dinge zu bewerten, das Ganze mit dem Faktor Pi zu multiplizieren und dies als sein geringstes Gebot zu lancieren. Die Moderatorin forderte ihn auf, sich zu beteiligen oder auch zu gehen. Frank meinte es fiele ihm nicht leicht, und was wäre mit dem Talisman? Das Publikum lachte und die Eiskunstprinzessin meinte gütig, den Talisman dürfe er behalten! Frank beobachtete die Redakteurin hinter der Hauptkamera, während er die dämliche Geschichte von seiner grauen Socke erzählte, die früher schwarz gewesen sei. Irgendwann habe er sie als einzelne aus der Waschmaschine geholt, und beschlossen, sie so lange bei jedem Waschgang beizufügen, bis sie wieder gepaart raus käme, dies sei, ergänzte Frank beflissen, in den letzten 289 Waschgängen nicht passiert und eigentlich wolle er das auch nicht mehr, er würde die Socke als einzelne vermissen, sie sei so was wie sein Talisman geworden. Er war wieder In, vergessen waren Tinki und Minki und er musste Zeit gewinnen. „349.000“ hörte er sich sagen, das Publikum johlte, dies war jedenfalls ausreichend und die Moderatorin wendete sich wieder der Friseurin zu. Frank rechnete Zimmer für Zimmer durch: Küche 15000 Euro, Bad/WC 3000 Euro, Wohn-/Schlafraum 15000 Euro, Klamotten 3000 Euro, Bücher/CDs 2000 Euro, Dokumente und Kram 1000 Euro, Schmerzensgeld für Briefe, Kinderzeichnungen, Tagebücher 500 Euro, den zeitlichen Aufwand für die Wiederbeschaffung von Dingen und Informationen schätzte Frank auf einen Monat, den er sich mit 2000 Euro vergüten ließ. Frank kam auf 41500 Euro, eine Summe die selbst ihm denkbar gering erschien. So wenig hatte er zu verlieren.

Die Friseurin und der Gärtner mühten sich redlich, ihre moralischen Bedenken offen zu legen, all jene aufzuzählen, die böse auf sie sein würden, da ihre selbstgebastelten Geburtstagsgeschenke ein für alle mal verloren waren, die Pflanzen, die selbstgehäkelten Teile, all die persönlichen Erinnerungen, einfach furchtbar. Das Publikum litt mit den beiden, die sich in mehreren Schritten bis auf 220.000 Euro herablizitierten. Eine Lebensberaterin betrat die Bühne und wurde von der Eiskunstläuferin zur Bedeutung der jeweiligen Erinnerungen für die Zukunft befragt. Sie mühte sich redlich ab, die Wichtigkeit von verdinglichter Erinnerung zu betonen, die Kameras schwenkten über das zustimmend nickende Publikum. Frank fühlte sich in seiner notwendigen Rechenarbeit gestört, zeitgleich mit dem Applaus für die Beraterin hielt er sein Ergebnis fest: 130310. Eine wunderschöne Zahl! Und das als Folge der Multiplikation mit 3,14!Frank fühlte sich richtig wohl: „210.000“, Applaus! Die Moderatorin fragte Frank, was er am meisten vermissen würde. „Wahrscheinlich die Nachbarin und ihren kleinen Sohn.“ Er wusste dass die beiden immer vor dem Fernsehapparat saßen und er wusste, dass er ihnen damit eine Freude bereiten würde. Der Gärtner bot 200.000 Euro, nicht ohne zu vergessen, dass er damit seiner Mutter endlich einen neuen Grabstein kaufen könne und die Pflege selbst wäre ja nicht das Problem, da er ja selber als Gärtner jederzeit und er mache das auch gerne, aber der Stein, der müsse erneuert werden und das wäre jetzt der richtige Moment.

Die Nachwuchsband spielte eine Coverversion einer Nachwuchsband des Vorjahrs und die Moderatorin kündigte an, dass nach der Werbepause der Showdown kommen müsse und die drei KandidatInnen sich genau überlegen müssten, wie hoch ihr letztes Angebot sei. Die Friseurin, der Gärtner und Frank erhielten Zetteln, einen überdimensionalen Kugelschreiber mit Sponsoraufschrift und ein blassblaues Kuvert. Frank beobachtete die beiden anderen: Der Gärtner kaute an seinem Stift, die Friseurin schüttelte ohne ersichtlichen Grund beständig den Kopf. Für einen Moment ertappte Frank sich dabei sein Ergebnis in Frage zu stellen und sein Angebot nach unten zu korrigieren. 130310 war ihm dann aber schon sehr ans Herz gewachsen, so kritzelte er die Zahl dann vorsichtig auf den Zettel. Nie zuvor war es ihm derart wichtig, seine Einsen auch wie Einsen und die Dreier auch wie Dreier aussehen zu lassen. Nur bei den Nullen fühlte er sich wirklich sicher.

Eine Praktikantin sammelte die geschlossenen Kuverts ein, die Moderatorin zog einen Notar in die Bildmitte. Er würde alles überwachen. Der Mann lächelte, als würde er sich nicht sicher sein, ob es klug war, diesen Auftrag anzunehmen. Bevor der Augenblick der Kuvertöffnung der Spannung ein jähes Ende bereiten würde, trat noch ein Manager einer internationalen Hotelkette auf, der stolz erklärte, dass der Gewinner oder die Gewinnerin die nächsten 2 Wochen bei ihnen absteigen könne und dass die Kleiderschränke der Luxussuite mit dem allernötigsten gefüllt sein würden.

Die Zeit stand praktisch still. Frank liebte den Augenblick, wünschte ihn unendlich verlängern zu können, alle Wünsche und Ängste zerflossen in ungreifbare, flüchtige Gedanken. Die Moderatorin riss ihn aus seinen Fantasien, er habe gewonnen! Der Gärtner wollte 160.000, die Friseurin 149.000 Euro. Geduldig ließ er sich herumreichen, wie er sich fühle, fragte ihn die Moderatorin und alle Zusehenden warten auf eine Lebensweisheit, ausgerechnet von ihm, den sie vor der Sendung noch als Sozialschmarotzer eingestuft hatten. „Ich bin müde, kann mir jemand ein Taxi rufen!“ war alles, was er noch bereit war zu sagen und: „Meinen Talisman können sie für „Licht ins Dunkel“ versteigern.“ Professionell lächelnd stand die Moderatorin mit der grauen Socke auf der Bühne, während Frank sich entfernte, bevor der Abspann der Sendung zu Ende war. Im Abgang verwarf Frank noch seine Absicht, die glücklich strahlende Regisseurin auf einen Kaffee einzuladen, da heute nicht der Tag für Niederlagen war und er sicher nicht Teil ihres Durchbruchs sein würde. „Taxi!“